Herr Leers, was bewegt Sie persönlich dazu, sich für kommunale Entwicklungspolitik zu engagieren?
Kommunale Entwicklungspolitik und nachhaltige kommunale Entwicklung sind für mich noch relativ neu. Ich bin erst anderthalb Jahre hier in der Stadtverwaltung Wismar. Aus meiner Sicht ist kommunale Entwicklungspolitik äußerst wichtig. Es entstehen langfristige persönliche Kontakte zwischen Kommunen, zwischen Stadtverwaltungen und auch zwischen den Einwohner*innen. Ich denke, die Bedeutung solcher Kontakte wird in dieser globalisierten Welt weiter zunehmen. Staaten alleine können es einfach nicht schaffen, Menschen miteinander in Kontakt zu bringen oder konkrete Hilfsprojekte zu realisieren. Die Menschen, die so etwas umsetzen, sind nun einmal auf der kommunalen Ebene. Leute, die sich mit Projekten auskennen, mit Wasserprojekten, Energiegewinnungsprojekten oder auch mit sozialen Projekten. Da ist es einfach gut, diese Expert*innen aus den Kommunen zusammenzubringen, statt von oben etwas überzustülpen.
Menschen zusammenzubringen und Verständnis zu schaffen, das war auch schon vorher mein Anspruch, als junger Mensch und als ich in der Filmbranche gearbeitet und Dokumentarfilme gemacht habe. 2008 war ich drei Monate lang in einem Projekt am Viktoriasee in Tansania in der damaligen Partner-Diözese meiner Heimatdiözese Dresden-Meißen. Wir haben dort geholfen, einen Community-Radiosender aufzubauen, also bei der Entwicklung eines Geschäftsmodells, bei der Erschließung von Finanzierungsquellen und beim Entwickeln des Programms unterstützt. Zwischen 2011 und 2015 war ich dann noch mehrfach für Dreharbeiten zu Dokumentarfilmen in Ostafrika, meist in Tansania und Ruanda. Ich war Kameramann, Regisseur und Produzent. Dabei ging es mir immer darum, durch den Film und die Kamerabilder die Gegebenheiten vor Ort oder auch kulturelle Eigenheiten authentisch zu vermitteln, sie so darzustellen, dass es Verständnis fördert. Ich wollte auf Augenhöhe mit den Menschen vor der Kamera sein und eine Beziehung aufbauen, statt nur über sie zu berichten – was ja nach wie vor oft genug passiert. Später war ich dann für ein Jahr bei einer Agentur beschäftigt, die große Hilfswerke bei ihren Medienentwicklungsprojekten berät: Misereor, Missio und Brot für die Welt. Dort war ich für Südostasien zuständig, weil ich auch auf den Philippinen studiert und dort meine Diplomarbeit geschrieben habe. Da war ich also auf der anderen Seite, der Seite der Fördermittelgeber, und habe Anträge als Grundlage für die Förderentscheidung geprüft.
Mal auf den Kern reduziert: Was möchten Sie mit Ihrem Engagement bewegen?
Ich möchte etwas für die Menschen tun, die keine optimalen Bedingungen haben, um sich selbst zu entfalten. Ich finde es wichtig, individuelle Entwicklungsmöglichkeiten zu verbessern. Bisher habe ich dies vor allem über den Medienbereich getan, zum Beispiel indem Menschen Zugang zum Internet erhalten oder zu einer Kamera, um sich damit auszudrücken, ihre Geschichten zu erzählen, sich zu stärken und Selbstwertgefühl zu entwickeln. Die Menschen, denen ich bei meinen Auslandsaufenthalten begegnet bin, hatten oft nicht die finanziellen Mittel dafür und auch nicht die beste Bildung. Zu sehen und mitzuerleben, dass man mit relativ kleinen Projekten Kinder oder Jugendliche dazu bringen kann, ihren eigenen Horizont zu erweitern, sich eine Meinung zu bilden und Wissen aufzubauen, das fand ich sehr spannend. Durch die Medienprojekte war das sehr gut möglich – sei es über Radio oder Internetcafés. Ich möchte den Menschen dabei nicht etwas vorgeben, sondern sie beraten und ihnen die Mittel zur Verfügung stellen, selbst etwas zu gestalten – und dann vielleicht gemeinsam etwas zu entwickeln. Es geht also um Chancengleichheit und darum, Menschen mit schlechteren Ausgangsbedingungen als wir sie in Deutschland im Durchschnitt haben, zu ermöglichen, das Heft selbst in die Hand zu nehmen. Darin steckt ein Anspruch von Gerechtigkeit. Wenn Kinder oder Jugendliche ein kleines Filmchen drehen und sich dabei ausprobieren können, dann hat das etwas mit Wertschätzung und Würde zu tun. Sie merken: Cool, das kann ich machen! Das Motivierende dabei ist, dass dann von selbst etwas in Gang kommt. Denn das ist ja alles kein Hexenwerk, aber der Zugang zu den Mitteln und der Technik ist eine Grundvoraussetzung. Wir selbst sind dann nur die Impulsgeber*innen, ermöglichen den ersten Schritt, aus dem dann weitere Schritte erwachsen. Wenn Sie also nach dem Kern meines Engagements fragen, das ist der Kern: Chancengleichheit schaffen. Ungerechtigkeiten und Ungleichheiten verringern.