Herr Fassbinder, Greifswald ist eine entwicklungspolitisch engagierte Stadt mit einem klaren Augenmerk auf nachhaltige Kommunalentwicklung. Der Titelgewinn beim Wettbewerb „Kommune bewegt Welt“ in 2024 ist Zeugnis dafür. Worauf sind Sie besonders stolz?
Der Preis beim Wettbewerb ist ja das Ergebnis eines langjährigen Engagements. Das ist nicht eine einzelne Aktion oder Person, sondern es sind ganz viele Menschen über viele Jahre, die das Thema Nachhaltigkeit und das Thema lokale und globale Verantwortung hier in Greifswald wahrnehmen und leben. Man merkt das an allen Ecken und Enden: bei Veranstaltungen, an Partnern, die bei Themen mitmachen, aber auch wenn sich zum Beispiel fair gehandelte, regionale oder nachhaltige Produkte durchsetzen. Es ist eine Vielfalt, die hier zum Tragen kommt.
Gilt das auch für Ihre Verwaltung?
Nachhaltigkeit ist in Greifswald ein nicht mehr wegzudenkendes Thema. Viele Mitarbeiter*innen setzen das inzwischen wie selbstverständlich um – mal in kleinen, mal in großen Schritten, in Themen, die viele betreffen oder wenige. Da sind zum Beispiel die Stadtwerke, die die Fernwärme dekarbonisieren. Da sind einzelne Bereiche der Verwaltung, die offen sind für das Thema nachhaltige Beschaffung. Da ist aber zum Beispiel auch mein Amt für Bildung, Kultur und Sport, das sehr stark in der Bildung für nachhaltige Entwicklung unterwegs ist und aus der Verwaltung heraus quasi die ganze Stadt mobilisiert hat.
Sie unterstützen gezielt auch das Engagement Ihrer Zivilgesellschaft. Mit welchen Leuchttürmen strahlt Greifswald hier?
Auch hier zeichnen wir uns gerade dadurch aus, dass wir so viele Aktivitäten haben. Im Bereich Nachhaltigkeit gibt es zum Beispiel die Kabutze, eine Recycling-Werkstatt. Dann gibt es viel Engagement im Bereich Kulturaustausch. Zum Beispiel bietet das Kultur- und Initiativenhaus Greifswald e.V. das Programm Turbina Pomerania an, ein Trainee-Projekt für Menschen aus dem Globalen Süden.
Sehr wichtig ist mir auch das Engagement im Sport. Der organisierte Sport und vor allem der Mannschaftssport in Greifswald ist sehr aktiv beim Thema nachhaltige Kleidung – sowohl bei einzelnen Aktionen wie dem Citylauf, als auch bei der Ausstattung ganzer Mannschaften. Das alles ist Zivilgesellschaft in einer sehr, sehr breiten Form.
Welche Bedeutung hat die internationale Zusammenarbeit für Greifwald?
Nach unserem Verständnis hängen nachhaltige lokale Entwicklung und die internationale Perspektive eng zusammen. Derzeit gibt es in unserem entwicklungspolitischen Engagement mehr Aktivitäten, die von hier ausgehen und hier wirken. Aber es gibt auch Aktivitäten, die von hier ausgehen und in anderen Regionen der Welt wirken sowie Aktivitäten in anderen Regionen der Welt, die wiederum hier wirken. Ein jedes ist für sich wichtig.
Wir haben insgesamt 13 Städtepartnerschaften, in denen wir uns sehr engagieren – rund um die Ostsee, mit Brasilien, mit China, aber auch mit einer griechischen und einer ukrainischen Gemeinde. Diese Zusammenarbeit geht oft von der Stadtverwaltung aus, die sich bestimmte Förderprogramme erschließt. Wir versuchen das aber auch in die Stadtgesellschaft zu tragen und nehmen von dort Impulse auf.
Außerdem zeigt sich das Internationale in unserem Bildungsprogramm, etwa wenn wir im Sinne einer Bildung für nachhaltige Entwicklung Programme für Schulen anbieten wie Nachhaltigkeitstage, Bildungs- und Lernkisten. Auch dabei werden globale Themen berührt.
Mal alles zusammengenommen: Was macht dieses entwicklungspolitische Engagement mit Ihrer Stadt?
Ich glaube, wenn Menschen sich mit anderen Realitäten beschäftigen und sich austauschen, macht das vieles bewusster – ob es nun das Konsumverhalten ist, das Reisen oder auch das Miteinander hier. Ich bin mir sicher, das ist ein sehr großer Gewinn für eine Stadt.
Es kommen ja auch Menschen aus anderen Ländern zu uns – aus unterschiedlichsten Gründen und über unterschiedlichste Wege. Auch hier ist der Austausch ein großer Gewinn, weil er Wissen und neue Perspektiven zu uns bringt. Manchmal hat das ganz praktische Seiten: Zum Beispiel haben wir mit unseren Partnerstädten ein Austauschprogramm für Auszubildende aus der Stadtverwaltung. Diese Auszubildenden kommen mit vielen neuen Erkenntnissen und größerer Reife von ihren oft nur kurzen Aufenthalten zurück.