Wenn Sie an die sicher sehr intensiven Tage in New York zurückdenken: Welcher Moment ist Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben – vielleicht eine Begegnung oder eine Diskussion, die Sie nachhaltig beeindruckt hat?
Mich hat besonders beeindruckt, mit welchem Engagement sich junge Menschen beim High-Level Political Forum einbringen. Mehrere Hundert Jugenddelegierte aus aller Welt haben an den Veranstaltungen teilgenommen, sich aktiv an den Diskussionen beteiligt und deutlich gemacht, dass ihnen die Zukunft der Agenda 2030 nicht gleichgültig ist. Das macht grundsätzlich große Hoffnung. Allerdings habe ich bei den Jugendvertreter*innen auch eine sehr große Betroffenheit wahrgenommen – die Einsicht, dass wir bei der Erreichung der Ziele so weit zurückliegen. Ich glaube, das ist für viele junge Leute nur schwer zu verkraften. Bei einer Veranstaltung mit Jugenddelegierten stellte eine junge Vertreterin einer indischen Nichtregierungsorganisation die Frage: „Wenn ihr eure Meinung in euren Ländern kundtut – habt ihr das Gefühl, dass ihr etwas verändern könnt?“ Da haben sich vielleicht ein oder zwei Hände von mehreren Hundert gehoben. Das war ein sehr bedrückender Moment.
Sehr positiv wahrgenommen habe ich die starke Präsenz der Kommunen. Im Vergleich zu früheren Jahren waren sie auf dem High-Level Political Forum deutlich sichtbarer und haben ihre Erfahrungen selbstbewusst eingebracht. Das zeigt, dass ihre Rolle bei der Umsetzung der Agenda 2030 international zunehmend anerkannt wird. Nachdenklich gestimmt hat mich dagegen, dass deutlich weniger zivilgesellschaftliche Organisationen aus dem Globalen Süden vertreten waren als in den Vorjahren. Dafür gibt es unterschiedliche Gründe – fehlende finanzielle Mittel, Visa-Probleme und insgesamt ein kleiner werdender Handlungsspielraum für die Zivilgesellschaft. Das halte ich für eine besorgniserregende Entwicklung, denn gerade diese Stimmen sind für den internationalen Dialog wichtig.
Gab es beim HLPF neben der Rolle der Kommunen in Deutschland auch internationale Ansätze oder Beispiele, die Sie besonders interessant fanden und von denen wir in Deutschland lernen können?
Es ging in den Diskussionen eigentlich immer um eine sehr politische Ebene, und konkrete Projekte wurden nur wenig vorgestellt. Das fand ich sehr bedauerlich. Besonders spannend war für mich allerdings, was ich über Spanien erfahren habe: Dort wird ein erheblicher Teil des Budgets für die Entwicklungszusammenarbeit über die regionale und lokale Ebene eingesetzt – nämlich rund 20 Prozent. Davon können wir in Deutschland nicht einmal träumen.
Mit welchem Gefühl sind Sie am Ende aus New York abgereist? Was stimmt Sie mit Blick auf die Zukunft eher nachdenklich – und was gibt Ihnen Zuversicht?
Ich bin mit einer großen Unsicherheit abgereist. Was die Agenda 2030 angeht, ist Zuversicht nicht angebracht. Wir sind viel zu spät dran und es bleiben nur noch wenige Jahre.
Zuversichtlich bin ich allerdings mit Blick auf die Rolle der lokalen Ebene. Ich bin mir sicher, dass Kommunen in allen weiteren internationalen Vereinbarungen und Diskussionen – auch Beyond 2030 – Gehör finden werden. Anders als bei der Verabschiedung der Agenda 2030 im Jahr 2015 – damals sind die Städte und Gemeinden erst ganz zum Schluss mit einem eigenen SDG 11 explizit in den SDG-Katalog aufgenommen worden. Heute ist ihre Rolle sehr viel klarer. Kommunen weltweit werden ihre Stimme in den Aushandlungsprozess einer neuen oder weiterentwickelten Agenda einbringen.
Ich hoffe auch sehr, dass der Multilateralismus wieder an Bedeutung gewinnt. Es gibt im Moment unglaublich viele nationale Egoismen, Kriege und Konflikte. Aber ich habe in New York gesehen, wie viel Bewusstsein für dieses Thema da ist. Deshalb habe ich die Hoffnung, dass das Pendel auch wieder in die andere Richtung ausschlägt. Im Moment ist das allerdings eine Hoffnung – es ist noch keine Erwartung.